Wohnheim in Rekum:

Ersatzfamilie auf Zeit

Die Wildfang GmbH aus Bothel betreut in Rekum sieben Jungen zwischen 14 und 16 Jahren in einer Wohngruppe. Sie haben eines gemein: Alle stammen aus zerrütteten Familien.

Farge-Rekum. Das Blech mit den Muffins (mit Schlagsahne) zieht am Mittagstisch die Blicke magisch an. Die Jungs, aber auch ihre Betreuer greifen begeistert zu. „Danke Magda“,  ruft der fast 15-jährige Salim Richtung Küche. Magda Wisniewska, Köchin und Haushälterin in der Rekumer Straße 12, einer Wohngruppe der Jugendhilfeeinrichtung Wildfang, freut sich über das Lob. Eine Alltagssituation wie sie sich ähnlich in einer Familie abspielen könnte. Die sieben Jungs leben nur nicht mit Eltern und Geschwistern zusammen, sondern werden betreut – von Psychologen, Sozialarbeitern, Erziehern, Arbeitstherapeuten.

Um 13 Uhr steht das Mittagessen auf dem Tisch. Man versucht, gemeinsam zu essen. Das klappt aber wegen der unterschiedlichen Termine nicht immer: Schule, Praktikum, Sport. Heute ist ein junger Bewohner noch unterwegs, ein anderer liegt krank im Bett. Es ist eine internationale Mischung, die am Tisch sitzt. Mutter Deutsche, Vater Libanese, Vater Pole, Mutter Deutsche, Vater Italiener, Mutter Deutsche, Mutter aus Algerien, Vater Deutscher – die Aufzählung über die Herkunft der Eltern kann noch weiter gehen. Überwiegend kommen die Jungen im Alter von 14 bis 16 Jahren aus „binationalen Familien“, erklärt der Hausleiter und Sozialwissenschaftler Gündüz Aksoy.

Es ist Zufall, dass sich die Wohngruppe in dieser Weise zusammensetzt. Alle eint: „Zerbrochene Beziehungen, kein hoher ökonomischer Status, nicht so gebildet“, beschreibt der Hausleiter die Ursprungsfamilien. Überforderung der Eltern, neue Partner, zu viele Kinder, Alkohol, Drogen, psychische Krankheiten sind weitere Merkmale, die erklären sollen, weshalb Kinder nicht zu Hause leben. „Das Muster ist immer gleich“, sagt Dirk Precht, Geschäftsführer der Wildfang GmbH aus Bothel, selbst Erzieher und Diplom-Sozialpädagoge mit familientherapeutischer Ausbildung, dessen Eltern die Einrichtung vor 41 Jahren gründeten.

Die Jugendhilfeeinrichtung betreut Kinder und Jugendliche an 30 Standorten in norddeutschen Bundesländern sowie in Rumänien und Polen in Wohngruppen und unterhält auch ein Kinderheim in Bothel. Die Wohngruppe in Rekum – das Gebäude wurde von der insolventen Kannenberg-Einrichtung übernommen – ist die erste in Bremen.

Ein Junge war vorher im Sattelhof, ebenfalls einer Kannenberg-Einrichtung. Daher kennt er die Umgebung. Ein anderer stammt aus Blumenthal. Doch auch aus Berlin, Cuxhaven und Detmold kommen die Jungen. Einige haben Heimkarrieren hinter sich. Die Bewohner haben sich bis auf das Geschwisterpaar aus Syrien hier kennengelernt, sind seit Eröffnung der Wohngruppe im Frühjahr dieses Jahres oder gerade erst seit sechs Wochen zusammen.

Allen Bewohnern ist gemein: Sie sind Jungs, in der Pubertät und haben alle ihr Päckchen zu tragen. Die Belastungen sind unterschiedlich. „Diese Jungs sind innerlich immer so beschäftigt, dass sie zumachen“, sagt Dirk Precht und möchte damit ausdrücken, wie komplex die Arbeit der Betreuer ist, um zu ihnen einen Zugang zu finden. Precht sagt über sich und die anderen Betreuer, dass auch sie nur „andeutungsweise wissen, welche Belastungen sie mit sich tragen“. Jeder Junge hat einen Bezugsbetreuer, dem er sich anvertrauen kann, der ihn im Blick hat.

„Es ist wie Familienleben. Man lebt hier eben zusammen,“ sagt Dimitri. Der 16-Jährige hört der Unterhaltung am Mittagstisch zu. Gerade wird darüber gelacht, dass Frikadellen in Berlin Buletten genannt werden. Das erzählt der Junge aus Berlin. Wie die anderen Mitbewohner ist Dimitri freiwillig hier und „fühlt sich wohl“, wie er später erzählt. Er hat vor Kurzem seinen Schulabschluss in Walle gemacht. Jetzt sucht er eine Lehrstelle.

„Entweder haben die Eltern oder die Jugendlichen den Antrag gestellt“, erläutert Precht. Das Jugendamt ist einbezogen. „Alle müssen mitspielen.“ Nur ein Junge ist eher gezwungenermaßen freiwillig in Rekum. Seine Alternative wäre der Jugendknast. Er saß schon in Untersuchungshaft in Oslebshausen, wurde verurteilt, hat eine Bewährungsstrafe mit der Maßgabe Wohngruppe erhalten. Abzocke, Körperverletzung und Raub wurden dem 15-Jährigen zur Last gelegt. Dirk Precht hatte ihn zuerst auf eine Ferienfreizeit nach Polen mitgenommen und viel mit ihm unternommen.

„Es hat Klick gemacht“, glaubt er nun, dass der 15-Jährige die „Ersatzmaßnahme“ in Rekum als Warnschuss und Chance annimmt. „Wir versuchen, Wege zu zeigen, damit sie später ein eigenverantwortliches und gesellschaftlich anerkanntes Leben führen können“, beschreibt Hausleiter Aksoy das Ziel. „Wir wollen den Jungs helfen“, sagt Precht schlicht.

Dazu gehört Erziehung. Müll wirft man nicht einfach aus dem Fenster, es gibt Wörter wie Danke und Bitte, die benutzt werden können. Die Jungen lernen viel. In der Wohngruppe gibt es Regeln, klare Strukturen – und viele Angebote. „Niemand wird aber mit Zwang zu etwas gebracht“, sagt Aksoy.

Dimitri zum Beispiel hat keine Lust mehr, beim Hood-Training mitzumachen. Vier Mal pro Woche kommt Dascha Gurarje, Trainerin bei der Stiftung Aktion Hilfe für Kinder. Das Hood-Training ist mehr als sportliche Betätigung. Es geht um Gewaltprävention, Integration, das Lernen von Regeln und Strukturen und Pädagogik. Der 16-Jährige hat sich für Badminton entschieden und will sich beim benachbarten TSV Farge anmelden.

Die Hood-Trainerin ist da. Sie wartet, bis die Jungs den Tisch abgeräumt haben, klönt noch mit der Haushälterin und geht dann mit Salim und anderen ins Freie. Das schöne Wetter machte es bisher möglich, „Erlebnispädagogik“ anzubieten. Im Winter möchte sie mit ihrer Gruppe in einer Halle trainieren. Kevin muss gleich aufbrechen. Er macht ein Praktikum bei einer Werkstatt in der Straße.

Da einige der Jungs noch keinen Schulplatz in Blumenthal haben, werden sie im Haus unterrichtet, auch ein Schulverweigerer, der aufgrund seiner Erfahrungen noch nicht bereit ist, wieder zur Schule zu gehen. Es gibt Therapiegespräche oder andere Angebote, die wahrgenommen werden. Der Arbeitspädagoge Thomas Scholtis entschwindet mit ein paar anderen in der Werkstatt im Keller. Wer Lust hat, betätigt sich handwerklich. „Wir bereiten die Weihnachtsdekoration vor“, sagt er. Auch Gegenstände für den Eigengebrauch werden gebaut oder Geschenke für die Eltern.

Kontakt zu den Eltern ist vorhanden, sie werden laut Precht einbezogen. „Sie vertrauen uns ihre Kinder an“, sagt Hausleiter Aksoy. Diesem Vertrauen müssten die Betreuer gerecht werden. „Wir müssen die Eltern im Boot haben und dürfen nie in Konkurrenz zu ihnen treten.“ Mögen auch Erlebnisse mit Vater oder Mutter oder beiden Elternteilen nicht gut gewesen sein, die Gefühle der Kinder für sie sind vorhanden. Es besteht bei einigen Jungen auch der Wunsch, wieder irgendwann beim Vater, der Mutter oder beiden zu wohnen. Die Realität spricht aber oft eine andere Sprache, vor allem, wenn Gewalt im Spiel war. Precht und Aksoy haben viel gehört, viel erlebt.

Sie versuchen, jedes Kind auf den Weg zu bringen, wobei ihnen bewusst ist: „Wir können sie nicht retten, nur Wege initiieren.“ Und wenn es in dieser Wohngruppe nicht klappt, dann wird etwas anderes ausprobiert. „Es kann sein, dass die Pädagogik am Ende ist, wir sind es aber noch lange nicht“, betont Precht selbstbewusst die Möglichkeiten von Wildfang. Irgendwo gebe es eine Wohngruppe oder einen Betreuer, wo der Jugendliche andocken könne. „Unsere Kunst besteht darin, das zu finden.“

Zwei Jungs zum Beispiel, die im Frühling in Rekum wohnten, sind inzwischen in einer Wohngruppe in Rumänien. „Da läuft es“, freut Precht sich. Er erzählt von einem anderen positiven Erlebnis. Vor Jahren schickten sie ein Mädchen zur Förderung nach Polen. Sie ist nun erwachsen, verheiratet, hat zwei Kinder und arbeitet bei Wildfang als Betreuerin.

https://www.weser-kurier.de/region/die-norddeutsche_artikel,-ersatzfamilie-auf-zeit-_arid,1779090.html?fbclid=IwAR1rx1iNAk5xDOuOyfZGG48Hk1OpK0L0lBe1AK3Y-INvRAjVq74fArW95EA#nfy-reload

Ein Kommentar zu „Wohnheim in Rekum:

  1. Ha, ha, ha, WILDFANG ist durchaus bekannt. Auch Dave war bei diesem Unternehmen untergebracht, bevor er dort abhaute. Seine Berichte sind nun nicht wirklich gut.
    Besonders „schön“ ist auch der Hinweis auf die Einrichtungen) in Rumänien. Dort werden also deutsche Jugendliche untergebracht, die meisten vermutlich gegen ihren Willen, die damit dem Schutz des deutschen Grundgesetzes entzogen werden.
    Werden diese Kinder/Jugendliche dort auch ordentlich beschult? Zweifel dürften berechtigt sein. Immerhin sorgte eine Einrichtung in Rumänien später für einen massiven Skandal.

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