Saalekreis:Missbrauchsspuren bei getötetem Kleinkind in Querfurt

Der gewaltsam ums Leben gekommene Junge in Querfurt ist vermutlich missbraucht worden. Wie die Staatsanwaltschaft mitteilte, deuten darauf Spuren am Leichnam des Zweijährigen hin. Die Mutter des Jungen und deren Lebensgefährte sitzen in Untersuchungshaft. Nachbarn erheben schwere Vorwürfe gegen Polizei und Jugendamt. Alarmzeichen seien übersehen worden.

Nach dem Tod eines zweijährigen Jungen in Querfurt im Saalekreis hat die Staatsanwaltschaft Halle weitere Einzelheiten bekannt gegeben. Staatsanwalt Klaus Wiechmann sagte MDR SACHSEN-ANHALT am Montag, die Mutter selbst habe am Sonnabend die Polizei informiert und gesagt, ihr zweijähriges Kind liege tot in der Wohnung. Ein Notarzt habe das Kind untersucht und festgestellt, dass es mit Sicherheit kein natürlicher Tod sein könne. Daraufhin sei noch in der Nacht zum Sonntag in der Rechtsmedizin Halle eine Sektion durchgeführt worden.

Schwere Misshandlungen und massive Gewalt

Staatsanwalt Wiechmann sagte: „Das Ergebnis spricht ganz eindeutig für äußere Gewalteinwirkung. Das Kind ist – juristisch banal gesagt – totgeschlagen worden. Hautunterblutungen, Verletzungen der inneren Organe, Unterblutungen am Kopf – die Verletzungen machen deutlich, dass das Kind ein Martyrium durchlitten haben muss. Das ist ganz massive Gewalt gewesen.“

Zudem habe man Verletzungen im Analbereich gefunden. Die Spuren sprächen für einen schweren sexuellen Missbrauch. Mit diesen Erkenntnissen seien die Kindesmutter (36) und ihr gegenwärtiger Freund (30) vorläufig festgenommen worden, am Sonntag sei dann Haftbefehl ergangen. Bislang schweigen beide zu dem Vorfall.

Leiblicher Vater im Krankenhaus

Zu den laufenden Ermittlungen sagte Wiechmann, er wolle nicht spekulieren. Man sei erst am Anfang. Unter Umständen müssten die Haftbefehle aber noch geändert werden: „Ich denke zum Beispiel an einen Verdeckungsmord, um eine andere Straftat zu verschleiern. Hier hat man sich offensichtlich an dem Kind vergangen.“ Die Ermittler würden jetzt Zeugen befragen. Außerdem warte man das Sektionsprotokoll und weitere gerichtsmedizinische Untersuchungen ab.

Zu dem beschuldigten Freund der Kindesmutter sagte Staatsanwalt Wiechmann, der Mann sei erst seit recht kurzer Zeit ihr Freund gewesen. Der leibliche Vater des verstorbenen Kindes liege gegenwärtig in einem Krankenhaus. Es müsse noch geklärt werden, warum.

Nachbarn hören immer wieder Hilfeschreie

Nachbarn erheben derweil schwere Vorwürfe gegen Polizei und Jugendamt. In einer E-Mail an MDR SACHSEN-ANHALT heißt es wörtlich: „Polizei und Jugendamt wussten Bescheid. Es gab mehr als nur kleine Alarmsignale, die man vielleicht hätte übersehen können. Es gab eine Vielzahl von Hilfeschreien. Doch niemand hat gehandelt. Jugendamt und vielleicht auch Polizei haben in diesem Fall mindestens eine Mitschuld! Wenn rechtzeitig bei nur einer einzigen der unzähligen Gelegenheiten gehandelt worden wäre, dann würde der kleine Junge mit Sicherheit noch leben.“ In einem Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT bekräftigte die Nachbarin ihre Vorwürfe.

Als Beleg werden in der E-Mail verschiedene Vorfälle benannt. So sei es mindestens ein Mal pro Woche zu einer Prügelei zwischen der Mutter des toten Kindes und ihrem Freund gekommen. Oft habe die Frau danach ohne Kinder die Wohnung verlassen. Mehrmals habe man die Polizei gerufen. Oft sei niemand gekommen. Ein anderes Mal hätten die Beamten gesagt, sie würden den Sachverhalt an das Jugendamt weiterleiten. Außerdem sei die größere Schwester des toten Jungen mehrmals zu Nachbarn gelaufen und habe sie um Hilfe gebeten, weil sie allein zu Hause seien. Zuletzt habe das Mädchen die Nachbarn angefleht, sie zu ihrem leiblichen Vater zu bringen, was dann auch geschah. Auf Nachfrage beim Jugendamt, warum niemand handele, habe man die Antwort bekommen, niemand wolle bei solchen Familien Hausbesuche machen.

Älteres Mädchen war nicht Zuhause

Die Mutter des toten Kindes sei der Polizei bisher noch nicht bekannt gewesen, sagt Staatsanwalt Wiechmann. Im Bundeszentralregister hätten sich keine Vorstrafen gefunden. Bei ihrem Freund habe man zwei Eintragungen gefunden, die schon länger zurücklägen. Es handele sich um Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Ob im Zusammenhang mit dem Tod des Kindes Drogen im Spiel gewesen seien, könne er weder ausschließen noch bestätigen.

Unklar sei auch noch, ob das Jugendamt Erkenntnisse über die Mutter und das Kind gehabt habe. Auch das werde man bei den Ermittlungen prüfen. Laut Staatsanwaltschaft lebt in der Wohnung noch ein älteres Mädchen, das sich aber übers Wochenende bei seinem Vater aufgehalten haben soll.

Bürgermeister Nette: „Heile Welt erschüttert“

In Querfurt herrscht nach der Tat Entsetzen. Nachbarn und Bekannte legten Blumen vor dem Wohnhaus nieder und zündeten Kerzen an.

Auch Querfurts Bürgermeister Andreas Nette zeigte sich bei MDR SACHSEN-ANHALT erschüttert. Er sagte am Montag, die Stadt habe bisher immer den Mantel einer heilen Welt um sich gehabt. Man habe sich nicht vorstellen können, dass so etwas passieren könne. Nun habe man das schmerzlich erfahren. Nette: „Wir vertrauen jetzt auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Sollte sich dieser schlimme Verdacht bestätigen, erwarten wir, dass mit der vollen Härte des Gesetzes durchgegriffen wird.“

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/halle/saalekreis/missbrauchsspuren-bei-getoetetem-kind-in-querfurt-100.html

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