Am 16. März veröffentlichte er sein erstes Buch mit dem Titel „KEIN Pausenbrot, KEINE Kindheit, KEINE Chance“.
bento: Jeremias, du schreibst in deinem Buch: „Ich steckte fest in meiner ziemlich kaputten Familie und manchmal hatte ich tatsächlich das Gefühl, ich rieche nach Armut.“ Wie riecht Armut?
bento: Armut verbinden viele allein mit einem Mangel an Geld.
Jeremias: Das ist auch richtig. Es gibt aber auch soziokulturelle Armut. Das bemerkt man, wenn man keine Eltern hat, die einem gewisse Weichen stellen können. Die Potenziale fördern. Man ist arm, wenn Krisen in psychosoziale Gewalt umschlagen. Wenn man institutionell diskriminiert wird.
Jeremias: Ich hatte schon als Kind Bezugspersonen, bei denen ich gesehen habe, wie ein halbwegs geordnetes Leben aussieht. Zum Beispiel meine Mitschülerinnen und Mitschüler, die ein Pausenbrot dabeihatten. Ich war zu ihren Geburtstagen eingeladen, ich habe gesehen, dass das Leben nicht immer so monoton verlaufen muss, wie bei uns zuhause. Die einzige Unterhaltung, die wir dort hatten, war das Fernsehen. Am wichtigsten war aber meine Tagesgruppe, die ich von der zweiten bis zur fünften Klasse täglich nach der Schule besucht habe.
Jeremias: Ich habe gesehen, wie Struktur geht. Wir haben uns Ziele gesteckt und darauf hingearbeitet. Wenn wir unsere Aufgaben gelöst hatten, bekamen wir Sterne. Hatten wir als Gruppe genügend Sterne gesammelt, gingen wir zusammen ins Schwimmbad oder ins Kino. Ich habe gelernt, dass es erstrebenswert ist, auf ein Ziel hinzuarbeiten. Zuhause habe ich gesehen, warum Armut zu einer „Erstrebenslosigkeit“ führt.
bento: Wie meinst du das?
Jeremias: Meine Eltern waren und sind psychisch krank. Ich habe als Kind die Bankkarte meines Vaters bekommen, um das monatliche Geld am Automaten abzuheben, weil mein Vater es oft selbst nicht aus dem Bett geschafft hat. Sie hatten überhaupt keine Perspektive.
Jeremias: Man wird Armut nur schwer wieder los. Auf eine gewissen Weise habe ich es aus der Armut herausgeschafft. Aber gleichzeitig fühle ich mich auch ganz schön „geschafft“. Aufgrund der Coronakrise bin ich vor zwei Wochen aus den USA zurück nach Deutschland gekommen. Ich habe Bewerbungen an Drogerien und Discounter geschickt, damit ich meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Bisher hat nichts geklappt. Ich habe hier keine Wohnung und ich kann nicht einfach bei meiner Familie unterkommen. Ich muss bei Freunden oder Bekannten schlafen, bin ständig in einer Bittstellerposition.
Jeremias: Wichtig ist für mich eine To-do-Liste. Ich setze mich jeden Montag hin und fertige eine sehr spezifische Liste für die ganze Woche an, mit privaten und universitären Aufgaben. Ich schreibe mir genau auf, welche Seiten von welchem Buch ich lesen werde, welche Punkte daraus ich erörtern möchte.
Und ich fange immer mit den drei schwierigsten Aufgaben an, die für den Tag anstehen. Dann habe ich es hinter mir. Die Belohnung ist das Abhaken der einzelnen Punkte. Nichts fühlt sich besser an.
bento: Wie blickst du heute auf die Entscheidung zurück, deine Familie verlassen zu haben?
Jeremias: Ich habe mich damals gegen meine Eltern entschieden und mich deswegen auch sehr schuldig gefühlt. Inzwischen weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war. Nachdem klar war, dass ich nicht mehr nach Hause zurückgehen werde, sind meine Noten ganz rapide besser geworden. Ich war erleichtert. Diese Zeit war für mich natürlich auch sehr prägend. Es hat mich auch dahingehend geprägt, wie ich heute schwierige Entscheidungen treffe, nämlich sehr distanziert und rational.
bento: Du bist SPD-Mitglied, hast mit 17 eine Rede auf dem Parteitag der Rheinland-Pfälzischen SPD gehalten und über Kinderarmut gesprochen. Welche konkreten Forderungen hast du an die Politik?
Jeremias: Ich finde das Einführen von Ganztagsschulen sehr wichtig. Der Lebensmittelpunkt könnte dort sein, statt in einer potenziellen Strukturlosigkeit zu Hause. Viel mehr Menschen würden miteinander sozialisiert werden, was meiner Meinung nach auch zu einer demokratischeren Gesellschaft führt. Ich finde auch Mobilisierung ganz wichtig, also mobil in einer Stadt zu sein, beispielsweise durch vergünstigten oder kostenlosen Nahverkehr für Jugendliche. Forschung hat gezeigt, dass mobil sein einer der wichtigsten Faktoren ist, um sozialen Aufstieg zu fördern.
bento: Warum ist Mobilisierung so wichtig?
Jeremias: Arme Menschen leben in der Regel eher am Stadtrand, dort, wo es keine Vereine gibt, wenig Aktivitäten. Es geht mir dabei vor allem um soziale Vielfalt. Um Austausch untereinander. Und als dritten Punkt fordere ich, dass Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden. Aktuell obliegen Minderjährige ihren Eltern. Bei der Hartz-IV-Regelung wirkt sich das beispielsweise insofern aus, dass das Kindergeld bedarfsmindernd angerechnet wird. Das Geld ist also letztlich nicht für die Kinder, sondern für die Eltern. Kinder werden nicht als Subjekte angesehen.
bento: Was wünschst du dir für deine Zukunft?
Jeremias: Ich habe eine gute Bildung bekommen und bekomme sie immer noch: Erst in Freiburg am Robert-Bosch-College, jetzt in den USA. Langfristig möchte ich diese Bildung wieder zurück nach Kaiserslautern bringen und dort Veränderung bewirken. Mein Weg führt auf jeden Fall wieder zurück in die Pfalz.
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