Der anhaltende Lockdown kann zu mehr Gewalt in Familien führen, davon sind Expertinnen und Experten überzeugt. In Nordhausen in Thüringen stiegen die Zahlen von Inobhutnahmen durch das Jugendamt 2020 stark an.
Jugendämter arbeiten seit Corona unter erschwerten Bedingungen: Fallbesprechungen können nicht mehr überall mit allen Kolleginnen und Kollegen durchgeführt werden, die Anzahl der Hausbesuche muss teilweise reduziert werden. Gleichzeitig haben Familien mit neuen Problemen durch den Lockdown zu kämpfen, schon bestehende Probleme können verstärkt werden.
Carola Richter vom Kinderschutzbund in Halle ist davon überzeugt, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt, wenn es um die Frage geht, ob Gewalt in Familien im Lockdown zugenommen hat: „Die Zündschnur wird kürzer, wenn man sich nicht mehr aus dem Weg gehen kann“, sagt sie.
Das Thema Gewalt und Pandemie wird seit Beginn der Krise auf unterschiedliche Weise bearbeitet. Die Technische Universität München (TUM) veröffentlichte Anfang Juni 2020 eine Studie zu diesem Thema. Mit dem Ergebnis, dass 10,5 Prozent der Kinder und 7,5 Prozent der Frauen, die sich zu Hause in Quarantäne befanden, Opfer körperlicher Gewalt wurden.
Zahlen in Mitteldeutschland
Ob und wie die Corona-Krise in Verbindung mit Gewalt gegen Kinder und in der Folge Inobhutnahmen durch das Jugendamt steht, soll erst im Sommer mit Statistiken durch die Sozial- und Bildungsministerien veröffentlicht werden. In Sachsen sind dem Sozialministerium zufolge aber bisher keine signifikanten Abweichungen von der allgemeinen Entwicklung bekannt geworden: „Sicher hat es nach unserem Eindruck bei einzelnen Jugendämtern moderate Anstiege gegeben, andernorts blieben die Zahlen wohl konstant“, schreibt das Sozialministerium in Dresden auf Anfrage von MDR AKTUELL. 2019 waren es 2.910 Kinder und Jugendliche, die in Sachsen in Obhut genommen wurden.
In Thüringen wurden 23 Jugendämter durch das Bildungsministerium befragt, 19 meldeten ihre aktuellen Zahlen zurück: „Im Vergleich der Fallzahlen aus den Jahren 2019 und 2020 ist festzustellen, dass es nur in einigen Gebietskörperschaften signifikante Änderungen der Fallzahlen zu verzeichnen gibt, so zum Beispiel im Landkreis Nordhausen. Hier stieg die Anzahl der Inobhutnahmen von 60 Fällen im Jahr 2019 auf 102 Fälle im Jahr 2020. Insgesamt bewegen sich die Fallzahlen im Jahr 2020 auf ähnlichem Niveau wie im Jahr 2019.“ Damals waren in Thüringen 1.351 Kinder und Jugendliche betroffen.
Das Jugendamt des Landkreises Nordhausen gibt verschiedene Gründe an, die zu dem starken Anstieg von Inobhutnahmen geführt haben: Die Überforderung der Kindeseltern, Isolation der Minderjährigen, die hohe Erwartungshaltung von Schulen an die Eltern und an die Schülerinnen und Schüler sowie fehlende soziale Interaktion, zum Beispiel im Freundeskreis.
Konkret benannt wurde in der Abfrage der thüringischen Jugendämter, dass die Corona-Krise die Überforderungen und Problemlagen in Familien durch das „intensive Zusammenleben“ nochmals verstärke und Homeschooling, wie es derzeit läuft, zu einem „hohen Überforderungs- und innerfamiliären Eskalationspotenzial insbesondere in Mehrkindfamilien“ führe.
In Sachsen-Anhalt wurden 2019 1.259 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen, 230 weniger als 2018. Das Statistische Landesamt Sachsen-Anhalt antwortete auf Anfrage, dass aktuelle Zahlen zum Jahr 2020 voraussichtlich im Juni 2021 veröffentlicht würden.
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