Stadt Hilden schlägt Alarm in der Jugendhilfe

„Dann muss das Jugendamt auch 1000 Euro pro Tag zahlen“

Hilden · Die Kosten für erzieherische Hilfen explodieren. Warum die Stadt Hilden manchmal 200 bis 300 Einrichtungen abtelefonieren und in Einzelfällen auch Pensionen oder Hotels für betroffene Jugendliche anmieten muss.

Die Stadt schlägt Alarm in der Jugendhilfe: Die Kosten für erzieherische Hilfen steigen, gleichzeitig wird es immer schwerer, Jugendliche, die nicht in ihren Familien leben können, in stationären Einrichtungen unterzubringen. „Die Kosten explodieren, auch, weil es zu wenig Plätze gibt“, sagt Sönke Eichner, 1. Beigeordneter der Stadt Hilden und unter anderem zuständig für die Jugendhilfe der Stadt. „Ich kenne Fälle aus anderen Städten, da mussten Mitarbeiter der Jugendhilfe in Notfällen Jugendliche mit nach Hause nehmen“, erzählt Anja Voß, Leiterin des Amtes für Jugend, Soziale Dienste und Integration. Das habe es in Hilden zwar noch nicht gegeben, aber man müsse schon „manchmal kreativ denken“. Dazu gehöre auch in Einzelfällen die Unterbringung von Jugendlichen außerhalb von klassischen stationären Einrichtungen.

Die Lage in Hilden

Sönke Eichner und Anja Voß stellen fest, dass die Zahl der komplizierten Fälle, mit denen das Jugendamt in Hilden konfrontiert wird, steigt. Früher war es so, sagt Eichner, dass die Zahl der ambulanten Hilfen bei 60 Prozent und die Zahl der stationären Hilfen bei 40 Prozent lagen. Das Verhältnis habe sich heute umgekehrt. Heute müsse in vielen Fällen eine Intensivbetreuung gefunden werden. Und man müsse davon ausgehen, dass auch eine Rückführung in die Familie oft nicht mehr möglich sei.

Das schlage sich auch in den Kosten nieder, die für solche Maßnahmen aktuell eingeplant werden müssen. Der Haushalt für erzieherische Maßnahmen „explodiert förmlich“, so Eichner. 21 Millionen Euro sind für erzieherische Maßnahmen in diesem Jahr veranschlagt, vor zehn Jahren war die Summe nur halb so hoch. Zur Einordnung: Das Haushaltsvolumen 2025 der Stadt weist Aufwendungen von 227 Millionen Euro aus. Die Einnahmen liegen bei 204 Millionen Euro. Bereinigt um das Finanzergebnis und die globalen Minderausgaben bleibt unter dem Strich ein Finanzloch von 21,3 Millionen Euro.

Anja Voß erzählt exemplarisch, wie es dazu kommen kann, dass ein Kind zu einem „Systemsprenger“ wird. „Ein Baby kommt vielleicht schon nicht in idealen Umständen auf die Welt. Die Mutter entscheidet sich dennoch, es erst einmal mit dem Baby zu versuchen. Nach zwei Monaten klappt es nicht, das Kind kommt zu einer Bereitschaftspflege. Irgendwann möchte die Mutter es doch noch mal versuchen. Das Kind kommt zurück, vielleicht in eine Mutter-Kind-Einrichtung. Auch das klappt nicht. Das Kind wird wieder rausgenommen in eine Bereitschaftspflege. Dann haben wir schon den vierten Kontaktabbruch, da ist das Kind gerade mal sechs Monate alt. Es gibt Einjährige, die bereits fünf bis sechs Beziehungsabbrüche erlebt haben. Das ist nachhaltig bei den Kindern verankert und kann später zu ausartendem Verhalten bis zur Fremd- und Selbstgefährdung führen.“ Dann gebe es diese kleinen Wesen, die solche großen Päckchen tragen müssen. „Es ist dann unsere Aufgabe als Jugendamt zu schauen, was braucht dieser kleine Mensch, um irgendwie noch gesund groß zu werden.“

Von den Schwierigkeiten, geeignete Unterbringungen zu finden

„Wir als Jugendamt haben immer das Ziel, wenn wir ein Kind aus einer Familie nehmen, dass das Kind in einer stationären Einrichtung bestmöglich betreut wird – und zwar so lange, wie es notwendig ist“, sagt Voß. Zuerst kommen diese Jugendlichen in eine Inobhutnahme – eine stationäre Einrichtung für die Erstversorgung. Die Zeit, die die Jugendlichen dort verbringen dürfen, sei aber begrenzt. Insofern müssten die Mitarbeiter des Jugendamtes unter einem gewissen Druck eine dauerhafte Unterbringung finden.

Doch Plätze in solchen Einrichtungen zu finden, sei inzwischen enorm schwierig. Es gebe einfach zu wenige Plätze. „Meine Mitarbeiter müssen manchmal 200 bis 300 Einrichtungen in ganz Deutschland abtelefonieren, und nicht immer findet sich auch ein Platz. Wenn wir sehr schwierige Fälle haben, winken die meisten Einrichtungen mit der Begründung ab, ,der sprengt uns das System‘.“ Das sei auch verständlich, denn auch die Einrichtungen müssten die Kinder im Blick haben, die bei ihnen betreut werden. Die stationäre Unterbringung sei dazu da, ein Umfeld zu schaffen, wo die Jugendlichen leben können. Eine Therapie finde oft ergänzend dazu statt.

Sie kenne Fälle aus anderen Städten, so Voß, wo Jugendamtsmitarbeiter Kinder in Notfällen mit nach Hause genommen haben. Das habe sie in Hilden zum Glück noch nicht erlebt. „Aber wir stoßen auch hier oft an Grenzen“, sagt Voß. In manchen Fällen müssten daher besondere Maßnahmen ergriffen werden.

Die Herausforderung bei besonders schweren Fällen

Auch in Hilden gibt es „Systemsprenger“, meist zwei pro Jahr, so Voß. Aktuell gebe es beispielsweise einen Fall, in dem eine jugendliche Person nicht mehr in ihrer Familie leben kann, aber auch nicht in einer Einrichtung untergebracht werden konnte, weil ihn keine aufnehmen wollte. „Dann sind wir als Jugendamt gefordert, kreativ zu werden“; sagt Voß. Das bedinge eben auch solche Lösungen, dass man Unterbringungsmöglichkeiten außerhalb stationärer Einrichtungen anmiete, wie z.B. Pensionen oder Hotels. Diese jugendliche Person lebe dort nun unter Vormundschaft mit einer pädagogischen Betreuung. Die Schulpflicht etwa sei mit der Unterbringung nicht außer Kraft gesetzt. Diese Person könne jederzeit die Unterkunft verlassen, betonen Eichner und Voß. Dies sei wie in einer stationären Einrichtung auch. Zudem sei dies nicht der Endpunkt in diesem Fall, man sei nach wie vor bemüht, eine andere Form der Unterbringung zu finden. „Wir finden die Situation auch schrecklich.“

Eichner: „Ein Eindruck, den ich persönlich habe: Psychiatrie ist zu einer Drehtür-Thematik geworden. Wir stellen schon eine Reihe von Jugendlichen in Kliniken vor, aber leider wird dort sehr schnell gesagt: ,Das ist kein medizinischer Fall, das ist ein Jugendhilfefall.‘ Wo wir aber oft eine ganz andere Meinung haben.“ Voß unterstreicht das: „Oft werden die Jugendlichen kurz angesehen in der Klinik und dann kommt der Anruf: Ihr könnt denjenigen wieder abholen.“

„In der Vergangenheit gab es auch individuelle pädagogische Begleitung, eine Eins-zu-Eins-Betreuung“, berichtet der Beigeordnete. Vor zehn, 15 Jahren habe es für solche Jugendlichen begleitete Auslandsaufenthalte gegeben. Doch viele Länder wollten dies nicht mehr. Solche Maßnahmen seien daraufhin sehr zurückgefahren worden. „Das stellt uns hier vor neue Herausforderungen.“

Herausforderung für den städtischen Haushalt – die explodierenden Kosten

Die Unterbringung von solchen Kindern ist nach Aussage von Voß sehr teuer geworden. „Wir haben beispielsweise einen Fall, da ist das Kind seit zehn Jahren untergebracht. Die Kosten sind um 60 Prozent gestiegen, ohne dass sich an den Rahmenbedingungen etwas geändert hat“, berichtet die Jugendamtsleiterin. Eichner spricht in diesem Zusammenhang von Angebot und Nachfrage. Die Einrichtungen hätten erkannt, dass das Angebot knapp sei und sie die Preise entsprechend erhöhen könnten. Voß: „Wenn ich als Jugendamt keine andere Wahl habe, dann muss ich auch 1000 Euro pro Tag zahlen.“

Dieser Bereich ist nach Auskunft von Eichner und Voß im Prinzip nicht kalkulierbar. Man wisse schließlich nicht vorab, wer etwa nach Hilden zieht. Und auch die Fälle von Familien, die immer schon in Hilden gelebt haben, seien nicht planbar. „Ich hatte jüngst den Fall eines ,Systemsprengers‘ im Alter von sieben Jahren auf dem Tisch“, sagt Eichner. Die Unterbringung dieses Kindes koste die Stadt Hilden pro Tag 1000 Euro, pro Monat seien es 30.000 Euro. „Rechnen Sie das hoch auf ein Jahr und bedenken sie, dass das Kind erst sieben Jahre alt ist.“ Aktuell gehe man nicht davon aus, dass eine Rückführung in die Familie möglich sei. Bei den Summen müsse man aber bedenken, dass in solchen Fällen eine 24/7-Betreuung notwendig sei.

Dieser Fall verdeutliche, dass solche Maßnahmen nicht zu kalkulieren seien. „Wir sparen dann vielleicht an einer Stelle ein paar tausend Euro ein. Dann kommt ein solcher Fall.“ Das sei die Herausforderung, mit der man laufend konfrontiert sei. „In der mittelfristigen Finanzplanung muss jetzt schon beplant werden, wie hoch die Jugendhilfe in Hilden 2028 ist. Da kann ich eher Lotto spielen, als da eine Prognose zu treffen“, sagt Eichner.

Für wen die Stadt Hilden zuständig ist

„Wir sind zuständig für die Bürger der Stadt Hilden. Dabei kann es sein, dass Familien nach Hilden ziehen, wo wir keinen präventiven Ansatz verfolgen konnten“, sagt Eichner. Dennoch sei man dafür zuständig. Es könne etwa sein, dass eine alleinerziehende Mutter nach Hilden zieht. Und selbst wenn das Kind in einer Einrichtung in Hamburg untergebracht ist, müsse Hilden vom Zeitpunkt des Umzugs der Mutter für die Finanzierung der Unterbringung aufkommen. Laut Jugendamt gab es im Jahr 2023 acht solcher Fälle, in 2024 zehn Fälle. Der aktuelle Stand für 2025 liegt bei zehn Fällen. „Es kann sich hierbei auch um laufende Fälle handeln, die bereits in Vorjahren übernommen wurden, heißt, die Fälle aus 2023 können sich auch in 2024 und 2025 wiederfinden“, so Voß. Natürlich müsste Hilden auch zahlen, wenn die Kinder in Hilden betreut werden

Umgekehrt kann die Stadt Hilden bei einem Wegzug der Sorgeberechtigten auch Fälle an Kommunen abgeben. In 2023 konnten fünf, in 2024 neun Fälle abgegeben werden. Für 2025 liegen neun Kostenerstattungen an andere Behörden zugrunde; „auch hier handelt es sich um Fälle, die mehrere Jahre laufen können und sich daher in mehreren Jahren wiederfinden“. Eichner weist darauf hin, dass je nach wirtschaftlicher Lage auch die Eltern einen Beitrag zur Unterbringung leisten müssten, dieser aber bei Weitem nicht kostendeckend sei.

Dem Gesetzesgeber müsse klar sein, dass es sich um ein gesamtgesellschaftliches Thema handelt. „Jugendhilfe ist ein Phänomen quer durch alle Gesellschaftsschichten“, so Eichner. Jugendhilfe sei eine Investition in die Zukunft, die Geld koste. „Bund und Land ziehen sich da einfach raus.“ Die Kosten für erzieherische Maßnahmen trage allein die Kommune. „Die Kommunen brauchen finanzielle Unterstützung“, sagt der 1. Beigeordnete. Voß ergänzt: „Wir brauchen mehr Plätze in stationären Einrichtungen.“ Dann müsse man nicht 200 Einrichtungen abtelefonieren und würde vielleicht auch einen Platz in der Nähe bekommen. Doch im Moment sei eher das Gegenteil der Fall. Immer häufiger heißt es, „ihr müsst eure Jugendlichen anders unterbringen. Wir schließen die Einrichtung, weil wir kein Fachpersonal haben.“

(lua arue)

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